Schladming
Selbstverständlich ist es sinnlos.
Selbstverständlich, ein ganz anderer Ort, fort, weit fort aus der Welt... selbstverständlich, man hat Urlaub. Man steht dort, ein anderer; man hört die Autos nicht, dort oben. Mal ein Flugzeug. Kuhglocken. Den Bach. Selbstverständlich also eine Realitätsflucht, nicht wahr, sagt man so, sagt es vor sich hin, immer wieder, um es eben nicht zu vergessen. Um nicht darunter leiden zu müssen, wenn der Traum eben nur ein Traum war. Man hat eben Urlaub, so ist es.Und wenn es ein Traum ist...es ist eben ein Traum. Dort oben, in der jungen Morgensonne steht man, und am Unterrohr klebt weißer Schlamm, noch von der Tour gestern. Kalkschlamm, weiß man, denn der Berg besteht nun mal aus Kalkstein. Jung und neu ist der Morgen, denn über Nacht hat es geregnet. Man träumt diesen Morgen, diesen Anderswelt-Morgen mit seinen Kuhglocken. Mit seinem Bach, und mit dem Geschmack starken Kaffees immer noch auf den Lippen träumt man und träumt mit ganzem Herzen und lacht die aus, die nicht sehen können, was man selber sieht.Eine breite Forststraße, die hinabführt ins Tal, entlang einer Klamm, so steil, so steil, und man weiß genau, am Nachmittag, mit all den Kilometern in den Beinen, ach, man sieht jeden Meter, mit all den Kilometern in den Waden. Dann bleibt man stehen, die Hände am Lenker noch entspannt. Hoch schaut man über das Tal, und im Tal, unter der Sonne, unter der auch die Menschen wohnen, liegt der Nebel wie ein Leichentuch.Einer hat einmal an der Seite von einem gestanden... dann auf einmal war er fort. Fort wie ein Traum. Hat einmal genau hier gestanden. Über eine Tour hat man gesprochen, hat ermahnt und gebeten und belangloses Zeug geredet.Irgendwo steht geschrieben:Wir bringen unsere Tage zu wie ein Geschwätz.So steht es geschrieben, und die Berge in der Ferne könnten es schreien, wenn man denn nicht so ruhig wäre. Und ruhig ist man, bis ins tiefste Herz hinein, so still wie das Tal, am Morgen. Hinunter, nur hinunter dreht sich die Schlange, kalkweiß, und es scheint als trage sie das Antlitz des Lindwurms mit der Bernsteinkrone, der hier begraben sein soll oder immer noch herrschen soll, gleichviel. Hinab, hinab, zieht es einen? Nein, es zieht nicht, es ist einfach da. Es atmet zu langsam, als dass man von ihm gezogen werden könnte. Es atmet zu langsam, um in der wirklichen Welt etwas anderes zu sein als ein Traum. Träumt man? Man lächelt. Man zieht am Lenker. Man tritt an. Und die Gewalt des zweiten Tritts lässt das Vorderrad steigen. Ein Trotzdem. Ein Schrei und ein wildes Lachen.Steil ist die erste Gerade nach der Kurve. Sanft trägt die Kompression hinauf, hinaus, einen kurzen Moment andere Kräfte: Rausch!!! Irgendwo über anderen Feldern fliegt ein Bussard. Die Reifen schreien in der Kurve. In allen Geschichten, in allen Träumen haben sie geschrieen; dort! Dort die Kurve, dort die Rinne, die schon Biker fraß, doch nicht mich, nicht den einen, das eine, das zu Tal rast wie eine Lawine. Andere mögen schneller sein; andere effizienter fahren... der Sprung! Zu weit... zu weit! Um die Kurve biegt der Bus.Es macht Sinn, seinen Bremsen vertrauen zu können... andere mögen schneller sein, aber ich lebe noch. Auf die Mauer aus Stahl und Gummi und Gegröhl und Phantasielosigkeit und Schwäche zu mit einem Grinsen und einem Schrei, dem Schrei aus einer Zeit, als noch alle da waren, ihn zu schreien... Wieder Schotter in der Kurve, und diesmal aber mit der Schlange und nicht gegen sie; Bremsrillen schlagen im Lenkerende, von Kurve zu Kurve zur Geraden, von Kompression zu Kompression zu Anliegerrausch, hinab, hinab, ins Tal hinaus, und Nebel steigt, umfängt und erstickt; kalt ist´s im Tal, man merkt es ja jetzt schon. Inversionswetterlage nennt man das wohl, sagt jemand im Kopf... vorerst aber noch ist das Wetter klar... Der Bach, mittlerweile reißend und wild, johlt überschwenglich unten im Tal; und Gischt sprüht die Klamm hinauf, ein dünner, zarter, kalter Schleier, der nach Eisen riecht und nach Regen, und man ahnt, man erblickt durch den Nebel eine Ahnung von dem, was man so die Macht der Berge nennt...Flacher windet sich nun die Schotterstraße, flacher und immer flacher. Und man denkt nun daran, nun weiß man es genau, dass er kommt, der nächste Berg, und es ist ein Asphaltberg, grau und rissig und steil.Über noch eine einzige Viehbrücke. An der Mautstelle vorbei. Schon beginnt die Straße, auf der andere Gesetze gelten. Eine Weile noch rollt man dahin, Wind im Helm. Hier ist es kalt, und man muss grinsen, wenn man daran denkt, dass einem gleich nicht mehr kalt sein wird. Und richtig, schon kommt der erste kleine Hügel. Drei-, viermal antreten, und man ist darüber hinweg, und doch ist er eine erste Mahnung zur Mäßigung. Die Steigung kommt. Sie kommt. Nicht mit Gewalt wie die Faust der Schwerkraft. Sanft und kaum zu bemerken, steigt der Berg an und wird immer steiler. Die Reifen schmatzen schon über den Asphalt, als man bemerkt, dass Schalten an sich nicht schändet. Und mit einem leichteren Gang geht es, langsamer und demütiger. Anders als die Hoffart des Downhills, ja. Gleichförmig kurbeln die Beine, gleichmütig nimmt man es wahr. Wohl gerät man außer Atem. Wohl ist da ein leichter Schmerz. Wohl tropft der Schweiß auf das Oberrohr, das Oberrohr mit der Beule, das Oberrohr, das zu dem alten Zaskar gehört, das so viel gesehen hat. Auch diesen Berg hat es gesehen, so oft, so oft... Gedanken wandern, wandern voraus. Pension Tomac, ja, dort ist das Schild an der Straße. Als man das erste Mal dieses Schild gesehen hat, war es 1992, und man ist vor Lachen aus dem Sattel gefallen... lange her, das. Immer noch fährt man, in Regen, Schnee und Sonne, fährt, jahrein und jahraus. Daheim meint man, man werde müde. Müde des anstrengenden Sports. Müde der fehlenden Anerkennung. Müde des Rattenrennens im Alltag; Aber hier, wenn man diese Straße hinaufwürgt, ist man nicht müde. Man ist gar nicht. Man fährt einfach. Der Blick schweift nun über das weiter werdende Tal, und es ist das Tal der Enns. Droben thront das Dachsteinmassiv wie von Luren begleitet und schaut, Kristall und Eis im Herzen und an der Wurzel, hinab auf das wimmelnde Tal. Ja, hier hört man Autos. Lastwagen. Erwachsenengeschwätz und Kindergespräche.Die Sonne taucht durch den Dunst, und auf dem Gras schimmern elbische Altweiberfäden. Es wird nun warm. Die Hauptstraße liegt vor einem. Eine Straße mit starkem Gefälle in dünner Luft... man tritt an und wieder lacht man, als man sich duckt gegen den Wind. Die Geschwindigkeit packt einen unverhofft und mit eiserner Faust. Angst schreit im Magen, doch über ihr liegt ein Lachen und ein wilder Triumph, hinab, hinab! Dort, ein Kleinwagen.Was kann er Deinen Waden entgegensetzen? Man schluckt ihn, man überholt, man sieht, wie er bremst, weil er es nicht fassen kann. Und hinab! Niemals stoppen, nicht wichtig ist der Kleinwagen, schon hat man ihn vergessen, denn man hat wichtigeres zu tun.Die Tachoanzeige springt hinauf, erregt zitternd. Es ist nicht wichtig, dass eine 100 auf dem Tacho steht, schon hat man sie vergessen, denn man hat wichtigeres zu tun. Eine 110 erscheint dort. Die Lenkerenden beben waidwund, bist Du noch Mensch? Wenn Du bei diesem Tempo stürzt, wirst Du die Hälfte Deiner Haut auf der Straße lassen, und das eine oder andere Knöchelchen dazu... ein Lachen, ein wilder Schrei...Und dann ist es vorbei. Dann kommen wieder die ersten Kehren, und man bremst, bremst so stark, dass das Hinterrad ein paar Zentimeter in der Luft hängt bei 50 Sachen. Die Reifen brüllen, und ein Passant dreht sich um. Er trägt eine Miene der Empörung, aber in seinem Herzen sehe ich Furcht. Nicht Angst. Furcht. Furcht vor dem, der da die Straße hinabbrüllt wie ein heiliger Wind des Zorns. Furcht, Furcht vor dem anderen, das auch in ihm wohnt und für das er keine Begriffe mehr haben kann in dem Traum und der Lüge, die er lebt. Ein heiliger Wind des Zorns.... Aber es ist kein Zorn in meinem Tun. Nur ein Wind. Der Wind weht, und ihm ist es egal, wie stark er weht. Hinab wehte er, hinaus will er wehen, hinauf zu den Bergen und zu den Sternen und in die Leere hinaus. Um Leere zu werden, und Fülle zu sein. Nicht allein um des Fahrens willen. Das Fahren ist ja nicht wichtig. Und doch ist es das einzig wichtige, nun. Schließlich: Die Stadt... Lichter, am Tag, Autos, Menschen, fahl in ihren bunten Kostümen und gehüllt in die Schleier geheimen Parfüms, um sich zu verbergen in der obszönen Nacktheit ihrer Oberflächen, der Facetten, die man gerade eben verlangt. Denn man hat Urlaub. Einen Moment lang verharrt man in der Fußgängerzone. Einen Moment lang schaut man umher.Ein Brüllen von Reifen, ein dreckiger Biker kommt angeschossen, grinst, springt, droppt die Treppe in einem Satz, ist verschwunden wie ein Spuk aus einer anderen Welt, dreckig und mit Blut am Bein, wohin seine Pedalen ihn bissen. Dann sieht man ihm nach, nickt und grinst.Unten an der Seilbahn, andere Gestalten, bunt und schimmernd, Schildkrötenpanzer, Integralhelme. Im Zielhang des Bikeparks stürzt gerade einer in einer Staubwolke. Federungen, Gabeln, Bremsen werden eingestellt. Sie schießen zu Tal.Wahnsinnige, sagt der Hüttenwirt. Wahnsinnige, nur Verrückte. Nur Verrückte fahren da, unter der Seilbahn, da kann man nicht fahren, mit einem Fahrrad. Viel zu steil ist es da, viel zu steil, als dass man da fahren könnte. Einmal ist er, der Hüttenwirt, beim Skitourengehen auf einer Lawine abgefahren; das fühlte sich an wie auf Kugellagern. Aber dort? Dort fahren? Sein Leben riskieren, indem man dort, unter der Seilbahn abfährt? Nein. Vielleicht hat er recht. Vielleicht haben auch die Verrückten recht. Ich gehöre nicht mehr dazu, denke ich mir, sowenig wie ich zur Stadt gehöre, und eigentlich ist es gleich. Man grinst. Man tritt in die Pedale, langsam, denn der Weg ist noch weit. Wieder steigt die Strasse an, und langsam, Kehre um Kehre schraubt man sich höher. Der Poserhof, haha, sie haben angebaut, na ja, es kommen ja auch immer mehr Gäste. Man hält an, und schaut über das Tal hinweg und freut sich auf die Aussicht vom Gipfel; man fährt weiter. Autos wehen an einem vorbei wie Wasserpflanzen, bewegt von einer unirdischen Strömung. Hinauf. Irgendwann ist man warm. Man merkt nicht mehr den leichten Schmerz. Merkt nicht mehr die Anstrengung. Die Sonne scheint, und höher und höher schraubt man sich. Lahm werden die Beine und wollen nicht mehr, aber man will noch, etwas will noch, etwas ist stärker als die Beine. Die Schotterstraße beginnt. Und der, der nicht mehr ist, ist dabei und lächelt, lächelt mit einem, eine Silhouette vor der Sonne, in die er gewandert ist. Einmal hat es gesprochen, in meinem Kopf, nachdem er gegangen war, nachdem er sich umgedreht hatte und sich zur Sonne gewandt, mit der er verschmelzen sollte. Einmal hat es gesprochen, ein Traum in einem Traum. Gesprochen hat es: Schreib! Schreib alles auf! Schreib, hat es gesagt, und auf den Wellen über dem See war Mondlicht auf Wasser und schrieb eine Schrift, eine Schrift des Wahnsinns und der Weisheit, die doch kein Sterblicher zu lesen vermag. Schreib! Nun schreibe ich. Schreibe mit meinen Reifen unter der Sonne eine Spur in den kalkweißen Staub. Hinauf schraubt man sich und lächelt. Berge erscheinen, die man vom Tal aus nicht sieht; wie Dunst steht die Wärme über ihren Flanken, und von ihren Gipfeln wehen silberweiße Wolken wie fiederweiches Haar. Bergherz, Bergherz, langsam, langsam schlägt ein schwerer Puls, tief in deinem Inneren, ein Herz von Bergkristall, uralt, so ururalt, im Dunkel verborgen, in das keine Sonne je dringt, gleißt unsterblich ein anderes Licht. Nicht still, nicht unruhig. Stetig wie der Wildbach in der Klamm, der rauscht und singt und doch immer das gleiche Lied erklingen lässt. Ein Auto steht am Wegrand, und in einem Liegestuhl liegt eine alte Dame und sonnt sich. Man grüßt, man driftet aneinander vorbei, ohne Wirkung, ohne Begegnung. Knirschende Reifen, mehr nicht bleibt übrig, und die nächste Kehre bringt die Bergstation. Menschen. Lachen. Masken, die an einem vorbei wehen, an einem, der nicht mehr derselbe ist, der im Tal losgefahren ist. Groteske Maskeraden auf Stöckelschuhen, unpassende Witze ohne Witz spazieren auf einer breiten Strasse hin und her und tun so, als seien sie in den Bergen. Doch das sind sie nicht. Ihre Seelen sind immerdar dort, wo die Pflanze ihres Seins Wurzeln geschlagen hat, Seerosen in einem grauen Gewässer, lebend sterbend, als ob sie ein- und ausatmeten. Ist man selbst in den Bergen? Vielleicht, denn man hat das Gefühl, sehr angefüllt zu sein. Nein, man ist nicht besser. Berge sind nicht besser, nicht schlechter, nicht gut und nicht böse. Und Berg ist man. Auch wenn man dort oben sitzt, sehr still in einem lauten Gipfelrestaurant. Und daran denkt, wie oft man hier gesessen hat, in eben diesem Gipfelrestaurant, und sich festgehalten hat am Geschmack des Germknödels.